„Danke, MS. Danke, dass du mich in diese Bahn gelenkt hast.“

Sabine lebt seit über sechs Jahren mit der Diagnose MS und berichtet davon, wie die Multiple Sklerose ihr Leben verändert hat... zum Guten!

Sabine Marina
Sabine Marina
31. Januar 2018
So hat die Multiple Sklerose mein Leben zum Guten verändert

Als Außenstehender möchte man meinen, dass die Diagnose Multiple Sklerose eine ist, welche das Leben von nun an vollkommen bestimmt und ausschließlich negative Auswirkungen mit sich bringt. Dass das nicht wahr sein muss, zeigt Sabine, die 2011 die Diagnose MS bekommen hat. Natürlich gibt es auch bei ihr Phasen, in denen sich die MS durch verschiedene Symptome bemerkbar macht und zu Anfang war die Diagnose auch für sie durchaus ein Schock. Doch Sabine hat die Erkrankung als Chance begriffen und angefangen, ihr Leben ganz bewusst in die Hand zu nehmen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. In unserem Gastbeitrag berichtet Sabine, wie sich ihr Leben seit der Diagnose verändert hat, wieso sie trotz – oder gerade wegen – ihrer Multiplen Sklerose heute glücklich und ausgeglichen ist und warum sie morgens um 4.45 Uhr aufsteht. Denn egal, ob mit Multiple Sklerose oder ohne: „Du bestimmst dein Leben selbst!“

Wenn ich Menschen erzähle, dass ich nun seit mehr als sechs Jahren mit der Diagnose MS meinen Alltag gestalte, gibt es meistens zwei Reaktionsphasen. In Phase eins ist man allseits überrascht – geradezu schockiert manchmal – wie ausgerechnet ich chronisch krank sein soll. Ich sehe ja so gesund aus. Und dann auch noch Unternehmerin? Das passt nun gar nicht zusammen. In Phase zwei wollen sie dann natürlich alles über meine Lebensweise wissen.

Eine Weile lauschen sie gespannt und dann spielt sich oft dasselbe Phänomen ab. Ohne, dass es irgendwie meine Intention gewesen wäre, beginnen sich meine Gegenüber zu rechtfertigen: „Ach, ich müsste eigentlich auch weniger Süßigkeiten essen. Ich müsste eigentlich auch mehr Sport machen. Ja, und meditieren, das wollte ich sowieso schon lange anfangen. Aber momentan geht das alles nicht.“ - um einmal die häufigsten Sätze zu nennen, die dann fallen. Und oft bleibt es nicht dabei. Sie werden fortgesetzt mit: „Naja, wenn man eine chronische Krankheit hat, wie du, dann hat man ja auch mehr Motivation für sowas. Dann würde ich das auch machen.“

Man kann es als erschreckend betrachten, dass wir Menschen immer erst richtigen Leidensdruck brauchen, um unsere Gewohnheiten ernsthaft zu ändern. Ich sehe es von einer anderen Seite: Mir führen diese Aussagen sehr klar vor Augen, welche Chancen auf den ersten Augenblick hart erscheinende Schicksalsschläge wie schwere Krankheiten bieten. Denn wie oft trotten wir durch den Alltag, ohne uns wirklich bewusst darüber zu werden, dass das Leben jetzt gerade stattfindet. Was nützt es mir, wenn ich meine Ambitionen auf einen gesünderen Lebensstil oder mehr Zufriedenheit auf Übermorgen verschiebe? Nicht viel.

Eine Diagnose als Sturz aus dem Hamsterrad

Aber genauso habe ich das getan, grob geschätzt sieben Jahre lang. Es begann mit dem Ende des Gymnasiums. Mit dem Abitur in der Hand wusste ich nicht so recht, was ich denn jetzt wirklich mit meinem Leben anfangen möchte und stürzte mich mit allem, was ich hatte, in ein kräftezehrendes Praktikum. Dort blühte ich förmlich in meiner kreativen Arbeit auf und schleuderte mit meiner Energie nur so um mich. In der anschließenden Ausbildung bekam ich bereits erste Konsequenzen davon zu spüren. Ich verfiel in eine depressive Verstimmung, die sich hartnäckig über mehr als ein Jahr hielt. Im darauffolgenden Studium ging das Spielchen dann wieder von vorne los: Neue Aufgaben, neue Ziele, neue Energie – aber auch neuer Leistungsdruck, erneute Überlastung, die alten Ängste.

Und dann BÄM. Ende des vierten Semesters knallen mir die Ärzte eine Diagnose vor den Kopf, die mein Leben verändern würde: Multiple Sklerose. Das war, als ob mich jemand aus einem hundertjährigen Schlaf gerüttelt hätte. Aber nicht mit dem sanften Kuss eines Prinzen. Eher mit einer schallenden Ohrfeige. Wenn ich mich an die Situation erinnere, spüre ich den Schwindel immer noch, der mich durchfuhr, als der Oberarzt im Krankenhaus diese beiden Worte aussprach.

Mir war sofort sonnenklar, dass ich fortan etwas an meinem Lebensstil ändern musste – egal, ob ich mich parallel behandeln lassen wollte oder nicht. Übertrieben viel Arbeit, Fast Food und mentale Geißelung haben jetzt zum ersten Mal tiefe Spuren hinterlassen. Und was für welche. Eine unheilbare Erkrankung, bei der jeder Tag eine neue gesundheitliche Überraschung bereithalten kann. In positiver, wie negativer Richtung. Daran musste ich eine Weile beißen. Aber seitdem lebe ich mein Leben anders. Ich behaupte: seitdem lebe ich.

MyTherapy Medikamentenerinnerung

Medikamenten Erinnerung leicht gemacht

  • Packung scannen
  • Zeit einstellen
  • Keine Einnahme mehr verpassen

Jetzt kostenlos herunterladen!

Leben ist nicht gleich leben

Nach der Diagnose habe ich mich gefragt: Wie soll mein Leben denn eigentlich aussehen? Wie möchte ich es gestalten? Was liegt mir am Herzen und was nicht? Wie möchte ich mit meinem Körper umgehen? Und wie mit meinem Innenleben?

Dazu gehörte ebenso, bewusst hinzuschauen, wie ich mir selbst über einen sehr langen Zeitraum immer wieder auf ein Neues geschadet habe. Im gewissen Sinne habe ich das, was die MS auf neurologischer Ebene mit mir macht, mit meinen Handlungsmustern auch auf anderen Ebenen vollführt. Und zwar lange schon, bevor die Diagnose kam. Plötzlich lag mir klar vor Augen, dass es niemand anderen außer mir geben kann, all diese Dinge, die mir eigentlich nicht gut tun, in Angriff zu nehmen und zu ändern.

Nicht das Opfer der eigenen Krankheit

Ich lasse mich nicht zum Opfer meiner Krankheit machen und reagiere nur darauf, was sie mir vorsetzt. Nein, ich übernehme Verantwortung. Okay, spätestens jetzt sind meine Zuhörer oft entrüstet. „Glaubst du etwa, du könntest deine Krankheit kontrollieren?“ Nein. Ich glaube nicht, dass ich irgendeine Art von Kontrolle über die Krankheit erlangen würde. Aber ich agiere, anstatt zu reagieren und das ist ein himmelweiter Unterschied.

Schön und gut, aber was heißt denn das konkret? Schon wenn ich ansetze, dass ich morgens um 4.45 Uhr aufstehe, um zu meditieren, Yoga sowie Einölungen zu machen, kommt der erste fassungslose Kommentar „Soooooo früh – nein, das könnte ich niemals!!“ Sagen wir mal so: Können tut das jeder. Wollen tut es nicht jeder. Und genau hier fängt Bewusstsein, Selbstverantwortung und – ein neues großes Wort – Freiheit an.

Was genau heißt es denn, verantwortungsvoll und bewusst zu handeln? Ist es nicht, dass wir ganz frei von unseren Gewohnheiten, Zwängen und Ängsten entscheiden können, was wir machen wollen? Ich erinnere mich noch gut an die andere Seite des Tunnels. Mein freiberuflicher Job hat mich so sehr unter Dauerdruck gesetzt, dass ich nie das Gefühl hatte, ich könnte mir täglich vier Stunden lang Zeit nur für mich ganz allein nehmen. Geschweige denn auch nur auf zehn Minuten kostbaren Schlaf verzichten. Wie oft habe ich mir damals auf die Gute-Vorsätze-fürs-neue-Jahr-Liste geschrieben, endlich mal mit Meditation anzufangen. Und habe es nie geschafft oder mehr als zehn Tage durchgezogen, denn ich hatte ja keine Zeit für sowas.

Das ging so lange gut, bis mich die MS Schub für Schub in die Ecke gedrängt hat. Beim letzten Schub stand ich mit dem Rücken zur Wand, als sie mir zum ersten Mal auch massiv meine Gehirnleistung nahm. Nicht mehr lesen, denken und sich mehr als zwei Sätze unterhalten zu können glich einer Höllenqual. Ja, dann ging es plötzlich nicht mehr anders. Da war der Job dann auch endlich einmal egal und nur ein Job.

Verantwortungs­bewusstsein ist Freiheit

Wer bis jetzt meiner Geschichte gelauscht hat, geht oft über in eine Art Mitleid. „Aber dann isst du jetzt gar nicht mehr dies oder jenes? Oder machst gar nicht mehr dies oder jenes? Das klingt ja total kompliziert.“ Verantwortung ist nicht zu verwechseln mit zwanghafter Kontrolle. Verantwortung bringt Freiheit. Wenn ich mir bewusst darüber bin, dass ich entscheide, was ich tue und lasse, dann habe ich die Freiheit, mich für alles zu entscheiden. Ich bin nicht mehr Sklave meiner eingefahrenen Strukturen. Ich muss mich nicht bemühen, früh aufzustehen. Ich entscheide, früh aufzustehen. Und ich kann mich genauso gut dafür entscheiden, spät aufzustehen.
Jeden anderen Aspekt meines Lebens genauso anzugehen, macht den Alltag so federleicht, wie damals – als ich als kleines Mädchen nur mit einer Sandschaufel das pure Glück in den Händen hielt.

Und was sagt meine Erkrankung dazu? Sie ist ziemlich leise geworden. Mein Leben hat sich in Bahnen entwickelt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Dieses Maß an Glück und Zufriedenheit hätte ich mir in meinen Träumen nicht ausmalen können. Und das vor allem völlig unabhängig von meinen körperlichen Symptomen. Das ist das eigentlich faszinierende für mich: Auch in Momenten, wo die MS ziemlich aktiv bei mir ist, empfinde ich Freude und Ausgeglichenheit in meinem Alltag. Und meine neue Lebenseinstellung begrenzt sich nicht auf den Umgang mit der Erkrankung. Sie erstreckt sich auf alles. Da sage ich doch ganz ehrlich: Danke, MS. Danke, dass du mich in diese Bahn gelenkt hast.


Das könnte Sie auch interessieren:

MyTherapy Symptomtagebuch bei Multiple Sklerose

Wie geht es Ihnen heute?

Mit MyTherapy können Sie ganz einfach Ihre Symptome, wie Koordinationsstörungen, Fatigue oder Muskelschwäche dokumentieren und Ihr tägliches Wohlbefinden erfassen. Das kann Ihnen, aber auch Ihrem Arzt, dabei helfen, zu erkennen, was Ihnen guttut und was nicht.

blog comments powered by Disqus