Wann und wem ich von meiner Depression erzählt habe – Ein Erfahrungsbericht

Gastautorin Frauke Gonsior verrät, wem sie von ihrer Depression erzählt, berichtet von den Reaktionen darauf und gibt 3 persönliche Tipps für den Umgang mit Familie, Freunden und Kollegen

Frauke Gonsior
Frauke Gonsior
6. Juni 2018
Zwei Frauen sitzen nebeneinander und sprechen

Auf den ersten Blick sieht es auf dem Blog von Frauke nicht so aus, als würde es um die Depression gehen, die 2013 bei ihr diagnostiziert wurde – man findet Rezepte, Strick- und Bastelanleitungen oder Ausflugstipps. Doch mit solchen Aktivitäten lenkt die Bloggerin ihren Blick auf die positiven Aspekte ihres Lebens und hilft damit auch anderen Menschen, die mit einer Depression leben. Gleichzeitig zeigt sie allen, dass eine Depression eine Krankheit ist, für die niemand etwas kann und klärt über die Erkrankung auf. Auch ein großer Teil ihres Umfeldes – Familie, Freunde, Arbeitskollegen – weiß von ihrer Depression. Denn Frauke hat beschlossen, offen über ihre psychische Erkrankung zu sprechen. Obwohl das nicht immer leichtfällt, kann es auch eine Erleichterung sein und dafür sorgen, dass andere besser verstehen, warum es jemandem mit Depressionen manchmal besser und manchmal weniger gut geht. In ihrem Gastbeitrag berichtet Frauke darüber, wem sie von ihrer Depression erzählt hat, wie ihr Umfeld die Erkrankung aufgenommen hat, wie sie selbst mit den Reaktionen umgeht und gibt anderen Tipps, wie sie mit der Depression selbst umgehen und mit anderen über die Depression sprechen können.

Als ich im Sommer 2013 die Diagnose „mittelschwere bis schwere Depression“ bekam, ging es mir bereits einige Monate nicht sonderlich gut. Die Symptome der Krankheit hatten sich so zugespitzt, dass ich nicht mehr wegschauen konnte und endlich zum Arzt ging. Mein direktes Umfeld hatte den Verlauf der davor liegenden Zeit natürlich mitbekommen und sah deutlich, dass bei mir etwas nicht in Ordnung war. Flüchtige Bekannte oder auch das berufliche Umfeld konnte ich noch so weit außen vor halten, dass sie entweder nichts gemerkt hatten oder es als eine bald vergehende Laune, schlechte Phase o. ä. abtaten. Das kennt wohl jeder Mensch mit Depressionen: Außenstehende raten einem gerne mal, man müsse sich doch nur mal zusammenreißen, dann wäre alles nicht so schlimm. Doch in Wirklichkeit reißt man sich seit langer Zeit so sehr zusammen, um andere Menschen nicht zu belasten oder die vermeintlich heile Fassade aufrecht zu erhalten, dass einem nach und nach die Kräfte schwinden…

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Wem ich von meiner Depression erzählt habe und die Reaktionen darauf

Für mich war nach der Diagnose und dem vor mir liegenden längeren Krankenschein klar, dass ich meiner Familie und meinen Freunden von der Depression erzählen musste und auch wollte. Weiterhin die kerngesunde und topfitte Frauke zu sein, war mir einfach nicht mehr möglich. Außerdem wollte ich die mir nahestehenden Menschen nicht anlügen oder eine fadenscheinige Begründung für den Krankenschein geben. Mir war klar, dass das nur unnötige Sorgen geschürt hätte. Die lange Zeit des Wegschauens meinerseits hatte zwar dazu geführt, dass nicht jeder mitbekam, wie es mir eigentlich ging, doch ich hätte mit den massiven Symptome, die die Krankheit bei mir mittlerweile entwickelt hatte, gar nicht mehr so tun können, als wenn nichts wäre.

Familie und Freunde

Der offene Umgang mit meiner Depression in meinem persönlichen Umgang war mir zudem wichtig, um mir selbst einzugestehen: „Ich habe eine Depression“. Nachdem ich die Diagnose erhalten hatte, habe ich angefangen mich über die Krankheit und deren Ursachen zu informieren. Der Austausch hierüber mit mir nahestehenden Menschen war mir wichtig und dieser war natürlich nur möglich, weil ich offen mit der Diagnose umgegangen bin.

Arbeitgeber

Meinem Arbeitgeber habe ich berichtet, dass ich aufgrund einer Depression für längere Zeit krankgeschrieben sein würde. Natürlich hätte hier die Einreichung des Krankenscheins ohne Diagnose gereicht. Es gibt keinerlei gesetzliche Verpflichtung zur Offenlegung von Diagnosen gegenüber dem Arbeitgeber. Doch auch hier habe ich mich nach reiflicher Überlegung bewusst zu einem offenen Umgang mit meiner Depression entschlossen.

Ärzte

Bei Ärzten gebe ich bis heute die Depression an, da sie ja chronisch ist und ich immer mal wieder Tiefs erlebe. Je nach weiteren Krankheiten oder Medikamenten ist es für Ärzte außerdem wichtig, die Vorgeschichte zu kennen um den Gesamt­zusammen­hang einschätzen zu können.

Generell habe ich es jeweils von meinem Bauch­gefühl und meiner aktuellen Stimmung abhängig gemacht, wem ich wann was erzählt habe. Es gab Tage, da konnte ich partout nicht über die Depression sprechen. An anderen Tagen habe ich gemerkt, dass mein Gegenüber dazu nicht in der richtigen Stimmung war. Deshalb habe ich versucht intuitiv zu handeln.

Die Reaktionen von Familie und Angehörigen

In meiner Familie herrscht generell eine sehr hohe Toleranz und Akzeptanz in Bezug auf Krankheiten und Behinderungen. Meine Zwillings­schwester hat durch einen Sauerstoff­mangel bei unserer Geburt eine Schwer­behinderung und hiermit gehen wir alle sehr offen und sehr „normal“ um. Die Behinderung ist einfach ein Teil meiner Zwillings­schwester, aber sie ist natürlich ein ganz normaler Mensch wie jeder andere auch. (Dass ich die Depression nicht wegen der Behinderung meiner Schwester habe, habe ich hier bereits beschrieben.) Genau diese Sichtweise erwartete ich in Bezug auf meine Depression durch meine Familie: die Depression ist nun für einige Zeit ein Teil von mir, aber ich bin immer noch ein ganz normaler Mensch. Als ich meiner Familie nach und nach von der Depression und den ganzen Symptomen erzählte, bekam ich viel Verständnis und Rücksicht­nahme entgegen gebracht. Meine Mutter informierte sich umfassend über die Hintergründe der Krankheit und schickte mir sogar ein Buch speziell über Depressionen. Meine Schwestern waren ebenso aufgeschlossen und verständnisvoll. Gerade die ersten Monate nach der Diagnose ging bei mir in Bezug auf Belastbarkeit nicht mehr viel und auch bis heute merke ich immer wieder sehr deutlich meine Grenzen. Meine Familie nimmt hierauf Rücksicht und hat mir bereits damals deutlich zu verstehen gegeben, dass ich weiterhin ein liebenswerter Mensch bin und natürlich auch Schwäche zeigen darf und nicht immer die Starke sein muss.

Die Reaktionen von Freunden und Bekannten

In meinem Freundeskreis war es ähnlich. Fast jeder kannte die Krankheit an sich und wusste zumindest in etwa, was sich dahinter verbirgt. Bei allen Fragen, die mir gestellt wurden, habe ich versucht so offen zu antworten, wie es mir möglich war. Eine sehr nahestehende Freundin sagte mir aber auch, dass sie die Krankheit nicht versteht und Schwierigkeiten hat, konkrete Fragen zu formulieren. Deshalb haben wir beide es so gemacht, dass sie mir ihre Fragen nach und nach per Email geschickt hat und ich ihr diese auf dem gleichen Wege beantwortet habe. In Rücksprache mit ihr entwickelte sich daraus eine ganze Themenreihe auf meinem Blog, wo ich ihre Fragen und meine Antworten veröffentlicht habe. Dieser Austausch tat mir sehr gut, weil ich ganz bewusst in mich hinein gehört habe und die Antworten möglichst ausführlich und ehrlich geben wollte. Hierbei wurde mir auch immer deutlicher, dass mir das Schreiben häufig viel einfacher fällt, als das Sprechen darüber.

Mit einer anderen Freundin, die ebenfalls Depressionen hat, habe ich die Absprache getroffen, dass die eine der anderen zuhört, wenn derjenigen etwas auf der Seele brennt. Aber auch, dass die andere immer offen und ehrlich sagen darf, wenn es bei ihr gerade nicht passt und es diejenigen selbst gerade zu sehr belastet, weil sie mit eigenen Dingen zu sehr beschäftigt ist. Diese gegenseitige Rücksichtnahme klappt bis heute sehr gut und jede von uns weiß die Ehrlichkeit der andere zu schätzen.

Bei mir hat die Mehrheit der Menschen, denen ich von meiner Krankheit erzählt habe, es sehr zu schätzen gewusst. Denn so konnte jeder mein Verhalten etwas besser verstehen und auch die Zusammen­hänge zwischen dem sonst für mich unüblichen Verhalten und der Krankheit nachvollziehen. Außerdem bestand dadurch die Chance Unklarheiten in Bezug auf die Depression und die im Raum stehenden Fragen auszu­formulieren. Das Gegenüber hatte so die Gelegenheit, die Krankheit zu verstehen und zu akzeptieren. Ich habe die Fragen so weit beantwortet, wie ich es in dem Moment konnte und wenn die Frage zu sehr ein Themen­feld betraf, worüber ich nicht sprechen konnte oder wollte, habe ich dies so gesagt.

Die Reaktionen der Ärzte

Bei zwei neuen Ärzten ist es mir bisher passiert, dass ich abwertend auf meine Depression angesprochen wurde. Eine Ärztin sagte mir mal, warum ich das denn im Fragebogen angegeben hätte. Man würde mir ja anmerken, dass ich gerade keine Depression habe. Eine Frauenärztin fragte mich sehr distanzlos, ob es überhaupt richtig wäre, dass ich zu dem damaligen Zeitpunkt Antidepressiva nahm und ob ich mir das alles nicht nur einbilde. Zu beiden Ärzten bin ich nie wieder gegangen. Andere, neue Ärzte haben bisher die von mir ausgefüllten Fragebögen gelesen und die Depression zur Kenntnis genommen. Direkt angesprochen wurde ich hierauf noch nie. Für mich fühlt es sich hierbei ein wenig so an, als wenn die meisten Ärzte nicht wüssten, was sie mit dieser Angabe anfangen sollten, sie unsicher sind, wie sie reagieren sollen oder es einfach gerade nicht für relevant erachten. Bei meinem Zahnarzt z. B. habe ich meine teilweise gesteigerte Schmerzempfindlichkeit angesprochen. Er hat zwar den Zusammenhang zur Depression nicht gesehen, hat aber meine Schilderungen akzeptiert.

Die Schwierigkeiten und wie ich sie gelöst habe

Es gab Momente, wo ich das Gefühl hatte, ich könnte nicht über die Krankheit sprechen. Hierbei fühlte es sich fast so an, als wenn die Depression mir den Mund zuhalten würde um mich zum Schweigen zu bringen. Das war sehr schwierig für mich, weil ich mich zum einen hilflos fühlte und zum anderen die berechtigten Fragen meines Umfeldes nicht konkret beantworten konnte.

Doch dank meines Blogs, den ich während der ersten Monate meines Krankenscheines eröffnet hatte, um meinen Blick wieder auf die positiven Seiten meines Leben zu lenken, bemerkte ich, dass mir das Schreiben einen Ausweg bietet. Alles, was ich nicht aussprechen konnte, versuchte ich geschrieben in Worte zu fassen. Es war und ist bis heute so, dass ich beim Schreiben tiefer eintauchen kann und mir die verständlicheren Worte einfallen, als wenn ich versuche es auszusprechen. Mit dem vorhin beschriebenen Interview per Email durch meine Freundin war es mir möglich, die Fragen von jemandem, der bisher keine Berührungspunkte zu einer Depression hatte, zu verstehen und diese so zu beantworten, dass meine Freundin einen Einblick in meinen Alltag und die Symptome meiner Depression bekam. Das hat uns beiden unglaublich geholfen: meine Freundin konnte mein Verhalten viel besser verstehen und ich habe mich selbst sehr stark reflektiert und hinterfragt, sodass ich mich selbst auch besser verstehen konnte.

Bis heute handhabe ich es so, dass ich es aufschreibe, wenn ich es partout nicht in ausgesprochene Worte bekomme. Manchmal muss ich auch eine Nacht darüber schlafen, um die Antwort so aufzuschreiben, dass ich wirklich alle Aspekte erwische, die mir wichtig sind. Mein Gegenüber hat auf diesem schriftlichen Weg die Gelegenheit, sich meine Schilderungen in Ruhe durchzulesen und diese zu verarbeiten und zu verstehen.

Meiner Erfahrung nach hilft es beiden Seiten, wenn ich offen mit meiner Depression umgehe. Mein Gegenüber hat so die Möglichkeit Rückfragen zu stellen und mein manchmal nicht auf Anhieb nachvollziehbares Handeln einzuordnen. Gerade in den Anfangsmonaten des Krankenscheines musste ich mehrfach Verabredungen kurzfristig absagen, weil ich sie einfach nicht einhalten konnte. Derjenige wusste dann, dass dies nichts mit ihm oder unserer Freundschaft zu tun hat, sondern ein Teil meiner Krankheit ist und dass sich dies irgendwann wieder ändern wird.

Aber es konnte nicht jeder damit umgehen und so gingen auch zwei Freundschaften in die Brüche. Im Laufe meiner Therapie habe ich gelernt, welche meiner Verhaltensweisen die Krankheit fördern und was ich tun kann, damit es mir besser geht. Doch dies hieß auch, dass ich in einigen Punkten nicht mehr nur für andere, sondern auch mal ausschließlich für mich da war. Zwei Personen kamen auf Dauer nicht damit klar. Auch wenn ich jeweils einige Zeit daran zu arbeiten hatte, konnte ich es akzeptieren, dass sich unsere Wege trennten.

Insgesamt habe ich nur wenige negative Reaktionen erlebt, doch bekam ich natürlich mit, dass manche Menschen hinten herum abwertend darüber sprachen. Das kann ich nicht verhindern, doch es zeigte mir noch mal eine andere Facette desjenigen. Trotzdem hat mich ein solches Verhalten jedes Mal sehr getroffen, weil ich mein Vertrauen missbraucht gefühlt habe. Meine Offenheit wurde mir negativ ausgelegt und meine vermeintlichen Schwächen wurden bewertet.

Von der Depression erzählen: Meine 3 Tipps für andere, an Depressionen erkrankte Menschen

1. Es sollte sich richtig anfühlen

Geht so offen mit eurer Krankheit um, wie es sich für euch richtig anfühlt! Wenn ihr mit jemandem darüber sprecht, kann es immer passieren, dass ihr auf Unverständnis oder Ablehnung stoßt. Die Depression kann auf dieses Verhalten evtl. sehr stark reagieren. Unter Umständen nimmt sie diese von außen kommende Ablehnung und verstärkt sie in eurem Inneren. Besprecht es am besten auch mit eurem Therapeuten, wenn ihr schon einen habt, oder mit einem sehr nahestehenden Menschen, dem ihr vertraut, ob, mit wem und in welchen Punkten ihr mit jemand anderem über eure Krankheit sprechen möchtet.

2. Hört auf euer Bauchgefühl

Wenn ihr über eure Depression sprecht, kann es sein, dass ihr gutgemeinte Ratschläge bekommt und, dass natürlich Rückfragen kommen. Achtet hier auch wieder sehr genau auf euer Bauchgefühl. Manchmal passt die Situation gerade nicht und zu einem anderen Zeitpunkt wäre das Thema einfach besser angebracht. Das Gegenüber hat schließlich auch eine Vorgeschichte, eigene Sorgen oder Stress, sodass er auch nicht immer ein offenes Ohr für eure Belange haben kann. Wenn ein Gespräch zu abwertend oder sonst wie belastend für euch wird, verlasst die Situation und sprecht dies im besten Fall auch an. Der Gegenüber hat evtl. bisher keine bis wenige direkte Erfahrungen mit einer Depression gemacht und stützt seine Aussagen auf vorgefertigten Pauschalierungen. Ihr könnt hier von euren Erfahrungen berichten, achtet aber genau auf eure Grenzen. Sowohl, was die Belastbarkeit, als auch die Thementiefe angeht! Ihr müsst nicht jede Frage beantworten. Sagt das aber dann eurem Gegenüber: „Ich kann deine Frage gerade nicht beantworten. Gib mir bitte etwas Zeit./Diese Frage ist mir zu persönlich./etc.“

Die Gefahr besteht natürlich, dass ihr abgelehnt oder im schlimmsten Falle diskriminiert werdet. Hier heißt es wieder: Hört auf euer Bauchgefühl, wem ihr was und wann erzählt. Und wenn es einmal wirklich verletzend wird, hilft es dies anzusprechen oder sich eine dritte Person als Vermittler dazu zu holen, die hilft, mögliche Kommunikations­probleme zu überbrücken.

3. Versucht positive Reaktionen anzunehmen

Wenn ihr positive Reaktionen auf eure Schilderungen erfahrt, wenn der Gegenüber mit Verständnis und Rücksichtnahme reagiert, dann versucht dies anzunehmen. Eine Depression neigt dazu, positive Erfahrungen im Kopf so lange hin und her zu wälzen, bis sie irgendwo einen Hauch von etwas Negativem findet und bauscht diesen dann riesengroß auf. Versucht dies zu erkennen und ein wenig gegenzusteuern. Ihr seid wertvolle Menschen, egal was die Depression sagt. Es ist toll, wenn eure Mitmenschen euch respektvoll und liebevoll begegnen. Versucht diese positiven Gefühle in euch zuzu­lassen und anzunehmen.


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