Leben mit bipolarer Störung: Viel mehr als nur „ganz normale“ Stimmungs-schwankungen

Yvonne lebt mit bipolarer Störung und erzählt, wie sie die manisch-depressive Erkrankung aus ihrer Sicht erlebt.

Yvonne Nehrkorn
Yvonne Nehrkorn
27. März 2018
Leben mit bipolarer Störung Titelbild Person zwei Pfeile

Psychische Erkrankungen sind – ganz im Gegensatz zu einem gebrochenen Bein – für Außenstehende nicht sichtbar und damit leider häufig auch etwas, für das nicht jeder Verständnis aufbringt. Davon kann auch Yvonne das sprichwörtliche Lied singen. Sie lebt mit einer bipolaren Störung, was dazu führt, dass sie extreme Gefühlszustände, von „abgrundtief verzweifelt“ bis „rasend vor Begeisterung“, durchlebt. Eine entsprechende Therapie hilft ihr dabei die manisch-depressive Erkrankung besser in den Griff zu bekommen, aktiv zu sein, die Gesellschaft anderer Menschen und das Leben zu genießen. Trotzdem bleibt die bipolare Störung ein ständiger, unsichtbarer Begleiter. Yvonne weiß, dass es wieder Zeiten geben wird, in denen es ihr weniger gut gehen wird. Mit ihrem Gastbeitrag will sie dazu beitragen, dass ihre Mitmenschen sie und andere, die mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angstörungen leben, besser verstehen. Deshalb erklärt sie wie es ist mit einer bipolaren Störung zu leben, wie sie die manisch-depressive Erkrankung selbst wahrnimmt und wie sie von anderen Mitmenschen wahrgenommen wird.

Mit „Man sieht Ihnen Ihr Alter gar nicht an.“ bittet ein Schild an vielen Supermarktkassen um Verständnis dafür, dass man beim Erwerb bestimmter Artikel den Personalausweis vorzeigen muss. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich vielleicht ein T-Shirt mit der Aufschrift „Man sieht mir meine Schwerbehinderung gar nicht an.“ tragen sollte, um mein Umfeld dafür zu sensibilisieren, dass ich an einer schweren, chronisch verlaufenden, psychischen Erkrankung leide, die mich so weit einschränkt, dass ich am Berufsleben nicht mehr teilnehmen kann und mich manchmal sogar dazu zwingt, mich für eine Zeit lang gänzlich aus jeglichem sozialen Leben zurückzuziehen.

Schuld daran ist die Bipolare Störung, die auch besser bekannt ist als manisch-depressive Erkrankung, was bedeutet, dass die Depression und ihr euphorisch gereiztes Gegenstück – die Manie – bei mir im Wechsel auftreten. Was zunächst nach Stimmungsschwankungen klingt, die bekanntlich jeder mal hat, ist bei mir jedoch viel extremer ausgeprägt.

„Meine Gefühlswelt liegt nicht zwischen ‚Ich bin traurig‘ und ‚Es geht mir fantastisch‘, sondern zwischen ‚Ich bin abgrundtief verzweifelt und will sterben‘ und ‚Ich sauge das Leben mit jeder einzelnen Pore meiner Existenz auf und feiere es rasend vor Begeisterung‘.“

Das sind Zustände von derartiger Intensität und Gegensätzlichkeit, dass es kaum auszuhalten ist, zumal sie mich eiskalt und unvorbereitet erwischen. Was an einem Tag noch gut war und zu regelrechten Begeisterungsstürmen geführt hat, kann am nächsten Tag schon ganz und gar unpassend, ja sogar deprimierend sein.

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Mit der Launen­haftigkeit einer Diva verändere ich mich innerhalb kürzester Zeit. War ich eben noch ein Schatten meiner selbst, kann ich schon bald darauf leidenschaftlich und voller zwanghaftem Übereifer die Nerven meiner Mitmenschen strapazieren. So eine Person ist unkalkulierbar und über alle Maßen anstrengend – für die Familie, Freunde, den Arbeitgeber und erst recht für die Person selbst.

Gerät alles völlig aus dem Ruder, weil der Erkrankte für immer mehr Chaos sorgt und die innere Realität stark von der äußeren abweicht, kann in manchen Fällen nur noch ein Klinikaufenthalt helfen. Dort wird mit Medikamenten und entsprechender Therapie versucht, den Patienten so weit zu bringen, dass er wieder Kontrolle über sein Leben erhält.

Es geht nicht darum, den Manisch-Depressiven mit Tabletten ruhig zu stellen, auch wenn das anfangs hilfreich sein kann, damit er überhaupt an einen Punkt gelangt, an dem er endlich zur Ruhe kommt und an sich und seinem Leben arbeiten kann. Es geht vielmehr darum, schnell eine Medikation zu finden, die dauerhaft den erkrankten Hirnstoffwechsel in Schach hält. Dazu ist echtes Feintuning nötig, wo ein halbes Milligramm eines Medikaments dafür sorgen kann, ob es einem gut oder schlecht geht.

Infografik von MyTherapy zum Thema bipolare Störungen
Infografik: Leben mit bipolarer Störung

Wohl dem, der schnell seinen passenden Tablettencocktail findet, mit der Therapie beginnen kann und in der Lage ist, dabei Gelerntes auch umzusetzen. Unter Umständen gehen dabei Jahre ins Land. Keine einfache Zeit und ein Glück, wenn endlich die Medikamente – bei mir sind es derzeit drei verschiedene – dafür sorgen, dass die Gefühlsspitzen der Emotionssinuskurve ‘abgeschnitten‘ werden – aber bitte nur so weit, dass das Leben nicht geschmacksneutral wird, weil das Fühlen uns Menschen zu lebendigen Wesen macht.

Gefühlsneutralität ist kaum auszuhalten, wenn man Empfindungen kennt, die jenseits aller Normalität sind. Besonders die hypomanischen Phasen, in denen die Welt immer etwas bunter und schöner und man selbst viel aktiver und oft auch kreativer als gewöhnlich ist, kann man als bipolarer Mensch schonmal leicht vermissen, wenn die Gefühle durch Medikamente zu sehr gedimmt werden. Mancheiner lässt dann die Tabletten weg und riskiert ein erneutes Durcheinander.

Leider ist es jedoch nicht allein mit der regelmäßigen Tabletteneinnahme getan. Ich habe außerdem immer wieder Termine bei meiner Psychologin und meiner Psychotherapeutin. Während die Psychologin mit mir gemeinsam die geringstmögliche wirksame Medikation herausgefunden hat, gilt es mit der Psychotherapeutin an meiner Denk- und Lebensweise zu feilen. Es hat einige Zeit gedauert, bis die dringendsten persönlichen Probleme bearbeitet waren und ich außerdem verinnerlicht hatte, dass das menschliche Wohlbefinden sich aus vielen kleinen Zahnrädern zusammensetzt, die ineinandergreifen und aufeinander einwirken.

Ich habe bedingt durch die Krankheit unter anderem Konzentrations- und Aufmerksamkeits­störungen, Schwankungen im Antrieb und im Denken, bin voll erwerbsunfähig und für die Gesellschaft eher eine Belastung als von Nutzen, aber ich kann dank Tabletten und Therapie dennoch ein aktives, erfülltes und eigenständiges Leben führen. Zumindest habe ich das in den vergangenen 10 Jahren – seit der Diagnose – gelernt, wie ich auch lernen musste, Stress möglichst zu vermeiden. Stress raubt mir die Lebensenergie und holt die durch die Tabletten gedämpften Gefühlsspitzen wieder hervor, um mich ins Chaos zurückzuversetzen.

Ich habe mir durch die Therapie und durch viel Lesen und ausprobieren das Wissen angeeignet damit umgehen zu können, ohne, dass zusätzliche Medikamente oder gar ein Klinikaufenthalt notwendig sind. Doch damit verbunden ist immer wieder ein kräftezehrender Kampf, der mich aus dem Leben reißt und mich zur Ruhe und zum Rückzug zwingt, damit ich gegen die auftretende abgrundtiefe Erschöpfung und selbstzerstörerischen Denkmuster ankämpfen kann. Sämtliche Termine muss ich dann absagen und kann auch keine eigentlich angenehmen Verabredungen und Freizeitplanungen einhalten, weil ich alle Kraft und Aufmerksamkeit dazu verwende, Strategien zu verfolgen, die mir in solchen Zeiten helfen. Für meine Umwelt bin ich dann unsichtbar und nicht zu erreichen.

„Die meisten Menschen kennen und sehen mich nur dann, wenn es mir gut geht. Sie erleben mich als aktiven ausgeglichenen Menschen und fragen sich, warum ich es nicht schaffe zu arbeiten, obwohl es mir doch augenscheinlich so gut geht. Ich würde versuchen es zu erklären, wenn sie mich fragten...“

Es gehört einiges an Übung und Selbstbeobachtung dazu, um zu erkennen, wann schließlich die Rückkehr in den aktiven normalen Tagesablauf wieder möglich und sogar notwendig ist, damit ich nicht in der Stagnation verharre, die mich unweigerlich in der Depression versumpfen lässt. Bei allem fühle ich mich zur Vorsicht und zur Langsamkeit gedrängt, so wie mancher sich zur Eile.

Doch nach einiger Zeit ist es wieder möglich das Leben zu genießen, die körperliche Gesundheit durch Ernährung und Sport zu pflegen, auf seine Psyche zu achten und möglichst stressfrei zu leben. Doch pure Stressfreiheit gibt es im Leben nicht und so ist jegliches Bemühen immer auch ein Vorbauen für die schlechten Zeiten, die garantiert kommen werden. Aber bis dahin genieße ich das wiedererlangte Aktivsein und freue mich auch über das Zusammensein mit anderen.


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